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MERKUR SPEZIAL - GENERATION OHNE GOTT?

JUGENDKIRCHE /
Gottesdienst mit Videowand und Moderatoren

Liturgie für Verlierer

Es geht nicht um „tolle Stimmung“. Wichtiger ist: Was will Gott den jungen Leuten sagen, und wie lernen diese, die Botschaft zu verstehen?

APPLAUS: Jugendgottesdienst in der Wiener Pfarre Neuottakring. Im Zentrum die Priester am Altar. Foto: Jakob Theiner

Autor: CLAUDIA SCHNEIDER, Wien

Eine halbe Stunde vor Beginn der Eucharistiefeier brodelt die neugotische Kirche: Es wird ordentlich angeheizt. Alle dürfen mit der Band die Lieder proben. Der Text ist gut zu lesen. Er wird einfach auf die „Vidiwalls“ gespielt. Dann wird es feierlich: „Wir haben hier viel Technik, Lichteffekte und lauten Sound. Aber wir wollen nicht vergessen, dass wir hier einen Gottesdienst feiern wollen. Einen Gottesdienst, bei dem es um uns und um Gott geht. Bei dem es um Gott und dich geht. Während wir Lieder singen, ist es vollkommen okay, wenn wir mit Begeisterung jubeln und klatschen. Jedoch wäre es superschön, wenn der Gottesdienst nicht durch Applaus nach den Liedern unterbrochen würde. Wenn es euch gefallen hat, werdet ihr am Schluss genug Zeit für einen tosenden Applaus bekommen!“

Kein duftender Weihrauch, sondern künstlicher Nebel wabert herum. Es ist eiskalt. Zwischen zwei und drei Stunden halten die Jungen, auch Junggebliebene sind darunter, im riesigen Kirchenschiff durch. Bei solchen Eventmessen sind die Kirchenbänke immer sofort besetzt, sonst muss man stehen oder auf dem Steinboden sitzen. Dazu werden dünne Thermokissen ausgeteilt. Beim Gottesdienst von Jugendlichen für Jugendliche – mit eingeladenen jungen Priestern, die die Messe zelebrieren – sitzt eine Art Antiwoodstockgeneration. Freunde sind mitgekommen.

„Supercool“ und „nicht so langweilig wie sonst immer in unseren Pfarrmessen“, sagt einer. Vielleicht ist das in unserer „entchristlichten“ Kultur notwendig: Dass die Jugendlichen sich die Glaubensinhalte „auf Augenhöhe“ selbst erarbeiten und dass sie die Verdichtung dieses Weges in den Traditionen der liturgischen Texte und Gesänge verstehen und schätzen können. Dass sie erkennen, dass die Liturgie Antworten gibt auf so manche Fragen, dass es nicht nur „zeitbedingte“ Formulierungen sind, sondern erleuchtete Dichtung. Werden sie entdecken, auf was man verzichten kann, ohne dass es „fad“ wird?

„Jesus – für dich“, sagt die junge Kommunionausteilerin ernst und legt mir das eigens gebackene Minibrot auf die Hand, es ist keine Oblate, auch kein Brotstückchen, sondern mundgerechter kleiner rechteckiger Teigfladen. Die Moderatorin im Altarraum spricht am Ende des Gottesdienstes die Dankesworte, dazu erscheinen auf der Leinwand hinter ihr die Logos der Sponsoren. So ein Event ist nicht billig. Draußen vor der Kirchentür sind nach dem Gottesdienst Brötchen zu haben. Sie wurden von einer Wiener Großbäckerei gespendet, Getränke gibt es zu erschwinglichen Preisen. Das Ganze heißt hier dann freilich nicht „Agape“, sondern „Chill-out“.

Plötzliche Erkenntnis

Es gehe nicht um die „tolle Stimmung“, es gehe darum, herauszufinden: Was will Gott den Jugendlichen sagen? Und auch darum: Wie sagen wir das den Jugendlichen so, dass sie es verstehen können? Teams für Inhalt, Technik, Musik, Werbung, Chill-out, Trouble-Shooter (sie haben grüne Schals um, auch Seelsorger sind darunter) machen diese Eucharistiefeier mit vielen Helfern möglich. Tausende Arbeitsstunden stecken dahinter. So haben die sechs Feiern „nur“ 45 000 Euro gekostet, davon wurden 40 000 Euro allein durch Sponsoren und Geldspenden der Mitfeiernden aufgebracht, den Rest übernahm die Diözese.

Man merkt es: Da wurde ganz schön was durchgearbeitet im Vorbereitungsteam, Glaubensfragen formuliert und plötzliche Erkenntnisse miteinander geteilt. Diese selbstverständlichen Glaubenszeugnisse der Moderatoren oder „Laienassistenten“, die auch Gebete sprechen, wirken überzeugend, weil darin keine „professionelle Evangelisationsoffensive“ zum Ausdruck kommt, sondern Pfarrangehörige ihren Glauben ins Wort heben.

Das ganze Unternehmen hat mehrere Facetten. So gibt es inzwischen einen engagierten Kreis von 300 Ehrenamtlichen aus über 50 Wiener Pfarren, Bewegungen und diözesanen Jugendorganisationen, die die einzelnen Projekte in ihrer Freizeit geplant, organisiert, Gestaltungselemente vorproduziert haben. Dadurch ist eine Vernetzung entstanden, die zurückwirkt auf die Jugendarbeit in den einzelnen Pfarren. Eine Sogwirkung, sodass plötzlich viele Jugendliche merkten: Das wollen wir auch, und zwar bei uns in der Pfarre, resümiert Florian Unterberger, verantwortlicher Koordinator und Motor der Jugendgottesdienste.

Das „Know-how“ steht allen zu Verfügung, alle Materialien werden auf der Homepage veröffentlicht, wo auch ein reges Meinungsforum entstanden ist. Man kann dort auch eindringliche Warnungen und Mahnungen lesen, es gibt Jugendliche, denen dieses Treiben in der Kirche zu weit geht, von Blasphemie ist die Rede. Man solle doch lieber keine heilige Messe feiern, sondern einen Wortgottesdienst. Aber dann würde ja das Beste fehlen.

„Lose“ – Irgendwann erleben wir uns alle einmal als Verlierer. Gleich am Anfang des Gottesdienstes hat ein Moderator das Motto in Bezug gebracht zum Kreuzzeichen, mit dem wir beginnen. Das Kreuz als Zeichen des Leidens und dessen Überwindung. Nach einem persönlichen Zeugnis und Pantomime wird eine Animation auf der Videowand gezeigt. „Wir sind alle Loser! Oder etwa nicht? Oft wissen wir nicht, welche Entscheidung die richtige ist. Wäre es nicht viel einfacher, wenn Gott uns stets sagen würde, was richtig und was falsch ist? Aber wir sind keine Marionetten in einer Aufführung Gottes – wir haben ja einen freien Willen bekommen. Täglich müssen wir uns entscheiden, doch ob die getroffene Entscheidung die richtige ist, sehen wir immer erst nachher – leider. Vielleicht ist unser Leben wie ein großes Labyrinth.“

Wahre Love-Parade

Alle Teile der Messe werden mit den erarbeiteten Themen und Evangeliumstexten in den Gebeten verknüpft, auf der Leinwand erscheint ein Kreuz, das sich zur leuchtenden Sonne verwandelt – die meisten sehen das aber nicht, weil sie beten oder zum Altar schauen.

Vielleicht muss man der Jugend eine Art „Inkulturation“ auch in unseren Breiten einräumen, zumindest im Wortgottesdienst. Bei diesen Gottesdiensten sollen vor allem die Jugendlichen angesprochen werden, die bereits mit der Kirche in Kontakt gekommen sind, um ihnen über die Firmung hinaus Gemeinschaft und Glaubensvertiefung zu ermöglichen, sagt Florian Unterberger. Natürlich hoffe man auch auf zahlreiche Freunde, die „mitbewegt“ werden. Zu „Lose“ haben sich 3000 Leute eingefunden; beim letzten Gottesdienst der Staffel, „live“ mit dem österreichischen Jugendbischof Franz Lackner, waren es 500 Jugendliche mehr, die die zweitgrößte Kirche Wiens füllten. Nächstes Mal wird es wohl der Stephansdom sein müssen mit Kardinal Schönborn als Zelebrant. Künftig will man einmal im Jahr einen solchen „Motto“-Gottesdienst feiern. Aber auch Formen der Volksfrömmigkeit sollen die Jugendlichen für sich entdecken: Fronleichnamsprozession, Wallfahrten und Marienandachten. Das wäre doch eine wirkliche Love-Parade!

Externe Links: http://www.findfightfollow.at/, http://www.jugendkirche.at/

© Rheinischer Merkur Nr. 14, 01.04.2004


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